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und als er nahe hinzu kam, sahe er die Stadt an, und weinte über sie,
und sprach: Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken
zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ists vor der einen
Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine
Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir eine Wagenburg schlagen, dich
belagern, und an allen Orten ängsten, und werden dich schleifen, und keinen
Stein auf den anderen lassen, darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit,
darinnen du heimgesucht bist. Und er ging in den Tempel und fing an auszutreiben,
die darinnen verkauften und kauften, und sprach zu ihnen: Es stehet geschrieben:
Mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber habt es gemacht zur Mördergrube. Und
er lehrte täglich in Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten
und die Vornehmsten im Volke trachteten ihm nach, daß sie ihn umbrächten,
und fanden nicht, wie sie ihm tun sollten; denn alles Volke hing ihm an, und
hörete ihn.
1. Dies Evangelium sollen die Christen fleißig merken, daß sie
daraus lernen Gott fürchten. Denn es ist der schrecklichen Evangelien eins
in Lukas; sollte deshalb uns also zu Herzen gehen, daß wir es nie vergessen.
Denn hier hören wir, was für ein großer Zorn und Ernst über
Jerusalem ergangen ist. Daraus können wir gewiß schließen:
Wer in seiner Bosheit sicher fein und in Sünden fortfahren will, der soll
sich nicht in den Sinn nehmen, daß er der Strafe entlaufen werde. Denn
so Gott der trefflichen, hoch begnadeten Stadt nicht verschonet hat, weil sie
Gottes Wort gehabt, und doch sich nicht gebessert hat: so denke nur jedermann,
und lasse in Zeiten von Sünden ab und bessere sich; sonst wird gewißlich
die Strafe und der Zorn nicht außen bleiben.
2. Nun ist aber der Zorn und Jammer, so über diese Stadt und Volk ergangen,
so groß, daß es dem Herrn Christus selbst zu Herzen geht und er
bitterlich darüber weint, daß die schöne Stadt so jämmerlich
umkommen und zerrissen werden soll, daß nicht ein Stein auf dem anderen
bleiben soll, und wünscht: Ach Jerusalem! Wenn du es wüßtest,
und solchen künftigen Jammer glaubtest, der über dich kommen wird,
so würdest du gewiß nicht so sicher sein, sondern auch weinen, und
bedenken, was zu deinem Frieden dienet, und bitten, daß dir Gott wollte
gnädig sein.
3. Obwohl nun der Herr allein von Jerusalem redet, so will er doch damit gewarnt
und gedroht haben allen denen, die Gottes Wort haben, und es doch vergeblich
hören und verachten, daß sie nicht sicher sein, noch sich darauf
verlassen sollen, als sollte es ihnen Gott schenken. Nein, die Strafe wird sich
finden, so wahr Gott lebt. Darum soll nun man sich vor allen Sünden, sonderlich
aber vor der hüten, die da heißt, Gottes Wort oder die Zeit der Heimsuchung,
verachten, das ist, Predigt hören, und doch sich nicht bessern, sondern
in Sünden immerdar fortfahren, man predige und sage, was man wolle. Die
Strafe auf solche Sünde bleibt gewiß nicht außen, ob sie gleich
eine Zeitlang aufgehalten wird.
4. So wird nun in diesem Evangelium uns vorgehalten ein sonderliches Beispiel
des schrecklichen Urteils Gottes über seine liebste und heilige Stadt Jerusalem
und sein eigen Volk, welche Stadt unseres lieben Herrn Gottes eigen Haus, und
das Volk sein eigen Hausgesinde gewesen ist. Denn Jerusalem ist gleich als ein
halber Himmel gewesen, da Gott selbst mit seinen Engeln gewohnt hat, da aller
Gottesdienst geordnet, da alle Patriarchen gelebt und ihr Begräbnis gehabt,
da endlich Christus, der Sohn Gottes, selbst gewandelt, gestorben, begraben,
auferstanden und den Heiligen Geist gegeben hat. Das also diese Stadt mit Heiligkeit
dermaßen überschüttet, daß ihresgleichen auf der ganzen
Welt nicht gewesen ist, noch sein wird, bis an den jüngsten Tag. Dennoch
solches alles unangesehen, da sie Gottes Wort nicht annehmen und demselben nicht
folgen wollte, hat unser Herr Gott so fest über seinem Wort gehalten, daß
seine liebste Stadt auf das greulichste hat müssen verwüstet werden.
Wieviel weniger wird er es anderen Städten schenken, die Jerusalem das
Wasser nicht reichen können, und andern Völkern, die ihm nicht so
nahe zugehören, als die Juden, die seine Blutsfreunde waren.
5. Darum sollen man bei diesem Beispiel Gottes Zorn merken, und sich vor Verachtung
des Wortes hüten, daß man nicht sage, wie wir häufig tun: Ei,
Gott wird nicht so zornig sein, er wird nicht so hart strafen. Denn so er die
heilige Stadt Jerusalem, sein höchstes Kleinod auf Erden, also zerreißen
lassen hat, daß kein Stein auf dem anderen geblieben ist, darum daß
die Juden das Evangelium hörten und sich nicht besserten: so darfst du
nicht denken, daß er es uns schenken werde, wenn wir in dergleichen Sünde
auch liegen. Denn Jerusalem wurde so verwüstet, daß man nicht sagen
könnte, daß dort je ein Haus gestanden hätte.
6. Es hat aber Gott diese greuliche Strafe eben dazumal gehen lassen, da das
jüdische Volk sich mit Haufen gen Jerusalem auf das Osterfest versammelt
hatte und fast in die hunderttausend Menschen (wie es die Historien Zeugen)
da gewesen sind. Denn Gott gedachte ein groß Feuer anzuzünden, darum
brachte er die Brände all zu Haufen. Da er sie nun wie einen großen
Scheiterhaufen, ja, wie einen Wald, hatte zusammen gerafft, führte er die
Römer über sie, daß sie es ansteckten und verbrannten. Josephus
sagt, daß von der Zeit der Belagerung an, bis die Stadt erobert, in die
zehnmal hunderttausend erschlagen und an der Pest gestorben, und 97000 gefangen
worden sind. Die sind so verachtet und unwert gewesen, daß man 30 Menschen
für einen Schilling verkauft hat. Also mußte Christus gerächt
werden, den sie um 30 Silberlinge verkauft hatten.
7. Dies ist nun die klägliche jämmerliche Strafe, welche Gott über
sein Volk verhängt und damit ein Ende gemacht hat, welches er doch mit
so großer Herrlichkeit und Wunderzeichen aus Ägypten geführt,
in das Land Kanaan gesetzt, ihr Vater gewesen, so freundlich mit ihnen geredet
und umgegangen ist. Da sie aber sein Wort verachteten und ihm nicht folgen wollten,
hat er solchen Zorn und greuliche Strafe über sie gehen lassen.
8. Solchen Jammer sieht der Herr, daß er nicht weit sei, weint deswegen
und spricht: " Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken
zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden diente. Aber nun ist es vor deinen
Augen verborgen ". Darum gehst du sicher hin, als hätte es nicht Not
mit dir. Aber es wird nicht lange so bleiben, es wird müssen brechen; und
ist schon vor der Hand, ohne daß es noch verborgen ist und du es nicht
siehst.
9. Hier möchte einem einfallen, warum doch unser Herr Gott die Strafe
verbirgt? Warum läßt er sie nicht alsbald gehen? Antwort: Er tut
es darum, daß er seine Geduld damit beweisen, und sehen will, ob wir uns
bessern und Gnade suchen wollen. Denn wenn er sobald sollte mit dem Donner und
Blitzen dazwischen schlagen, so könnte keiner von uns sieben Jahre alt
werden. Darum hält er mit der Strafe an sich, uns Zeit und Raum zu lassen,
daß wir uns bessern. Solches steht Gott wohl an, der preiset damit seine
Barmherzigkeit gegen uns. Der Teufel aber ist ein zorniger Geist, der tut es
nicht; wenn er einen könnte mit einem Strohhalm totschlagen, er täte
es, und würde sich nicht lange aufhalten lassen. Aber Gott ist gnädig,
darum will er die Strafe aufhalten, aber nicht nachlassen.
10. Das macht die Leute sicher, daß sie sich nicht allein bessern, sondern
je länger je ärger werden. Wie man sieht: Ein Ehebrecher, Wucherer,
Dieb, weil die Strafe nicht sobald kommt, läßt sich denken, es habe
noch lange nicht Not. Aber hüte dich, laß dich nicht verführen
noch betrügen. Denn hier hörst du, daß Gott die Strafe wohl
aufhalte und verberge; aber ist sie nicht aufgehoben. Darum kehre beizeiten
um, tu Buße und bessere dich. Das meint hier Christus, da er spricht:
" Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen "; als sollte er sagen:
Laß dich nicht betrügen, daß die Strafe verborgen ist. Du wirst
mich töten und mein Blut vergießen, wie du mit anderen Propheten
vor mir auch getan hast. Ich schweige still dazu, lasse es geschehen und leide
es. Solches macht, daß du denkst, es werde immer so gehen und ungestraft
bleiben. Deswegen tut niemand mit Ernst dazu, daß er frömmer würde
und sich besserte. Aber sieh dich vor, du bist vor der Strafe nicht sicher.
Wenn du zu überreden wärest, daß du es glauben könntest,
so würdest du danach denken, wie du vor der Strafe fliehen kannst. Aber
du glaubst es nicht; darum gehst du so sicher hin, läßt die Zeit
deiner Heimsuchung, darin du gewarnt wirst und wieder zu Gnaden kommen könntest,
vorüber rauschen, bist sicher und besserst dich nicht. Das ist eben die
Sünde, darum Gottes Zorn dich überfallen und übereilen wird.
11. Hier lerne mit Fleiß und merke, was Gott für die größte
Sünde achtet, die er am wenigsten dulden und leiden kann, nämlich,
daß sein Volk die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt hatte. Denn der
Herr schweigt hier aller anderen Sünden, und gedenkt allein dieses, daß
sie sicher dahin gegangen und sich nicht allein an der Propheten Ermahnung und
Drohung gekehrt, sondern sie auch verfolgt, und viel unschuldiges Blut vergossen
haben, bis daß, wie die Schrift sagt, Jerusalem hier und da voll Blut
ward (gleich wie heutigen Tages Deutschland sich versündigt mit viel Verfolgung
des Wortes und seiner Diener). Neben dieser Sünde gingen mit Macht Ehebruch,
Hurerei, Wucher, Geiz, Stehlen, Schwelgen, Saufen und was da noch ist.
12. Solche Untugend, sagt Christus hier, wollte ich mit dem Wort strafen, und
auch lehren, daß ihr sollt fromm sein und euch bessern. Um dieser Ursache
Willen habe ich zuvor meiner Propheten, Johannes und meine Apostel geschickt;
ja, ich selbst bin aufgetreten, habe gepredigt, Wunderzeichen getan, und alles
vorgenommenen, was euch zur Besserung dienen möchte. Nun sollten alle anderen
Sünden, so groß und viel ihrer auch sind, euch nicht schaden, sondern
vergebenen und in Ewigkeit nicht mehr gedacht werden; Jerusalem sollte wohl
stehen und von den Feinden unangefochten bleiben: wenn ihr nur die Zeit teurer
Heimsuchung erkennet. Denn ich komme zu euch nicht mit dem Schwert, nicht mit
der Keule, sondern sanftmütig und ein Heiland. Ich predige und schreie:
tut Buße, bessert euch und seid fromm. Hört doch und folgt, ehe der
Zorn mit Macht kommt. Also suche ich euch heim.
13. Ja wohl, da wird nichts aus. Alle eure Sünden macht ihr damit größer,
daß ihr auch die Heimsuchung nicht erkennt, annehmt und leiden wollt.
Darum geht es, wie das Sprichwort lautet: wem nicht zur raten ist, dem ist auch
nicht zu helfen. So gehen auch die Juden mit unseren Herrn und Gott um. Er läßt
euch durch mich Vergebung der Sünden anbieten, will euer gnädiger
Gott sein, alles gern vergessen und vergeben: nur, daß ihr noch aufhört
von den Sündern und nehmt sein Wort an. Ihr aber macht weiter, läßtert
mich, sagt: Ich habe den Teufel, heißt meine Predigt eine Ketzerei, wollt
mich dazu an das Kreuz schlagen, werdet auch nicht eher zufrieden sein, ihr
habt es denn ausgerichtet. Das ist aber erst der Teufel, wenn Gott nicht allein
Sünde vergeben und gnädig sein, sondern auch große, hohe Gaben
schenken will, daß man ihm den Rücken Wende und seine Gnade noch
auf das greulichste lästert. Wenn es so weit kommt, kann ich nicht mehr
halten, es muß die Strafe folgen. Denn wo man Vergebung der Sünden
und Gottes Gnade nicht leiden kann, da ist weder Rat noch Hilfe.
14. Und das ist die Hauptursache, daß der Zorn Gottes so überaus
groß und schrecklich ist. Denn weil die Juden sein Wort weder sehen noch
hören wollten, also hat Gott danach ihr Schreien, Beten, Gottesdienst und
anderes auch weder sehen noch hören wollen, und ist sein Zorn nicht eher
gestillt, bis Jerusalem zugrunde getilgt ist, daß kein Stein auf dem anderen
geblieben ist. Das haben sie so gewollt. Das ist nun das schreckliche Beispiel,
welches der Evangelist uns zur Besserung geschrieben hat, daß wir Gottes
Wort nicht verachten und die Zeit unserer Heimsuchung nicht sollen ohne Frucht
vorüber lassen.
15. Das ist besonders zu merken, daß der Herr spricht: " Aber nun
ist es vor deinen Augen verborgen ". Denn so geht es oft, daß man
nicht denkt, daß Gott strafen werde; sondern weil Gott aus Güte mit
der Strafe verzieht und auf Besserung wartet, denkt die Welt, er werde immer
still verschweigen. Aber hütet euch, spricht Christus; ob ihr die Strafe
gleich nicht sehet, so haltet es doch für gewiß, wenn ihr euch nicht
bessert, so wird die Strafe nicht außen bleiben. Denn wenn Gott auch eine
Zeitlang verzieht, hat er gleich wohl überall so viel Netze und Stricke
gelegt, so viel Mausefallen um der bösen Buben willen gerichtet, daß
es unmöglich ist, daß du ihm entlaufen solltest.
16. Zu dem hat er Vater und Mutter, Herr und Frau im Haus das Regiment befohlen,
daß sie sollen auf böse Kinder und Gesinde Achtung haben. Wer nun
dieses alles nicht beachten will, dem befiehlt er der weltlichen Obrigkeit,
die Obrigkeit ist aber ein grober Prediger, hat so eine harte Stimme, daß
er dir den Kopf vom Hals wegnehmen kann. So ist der Teufel auch noch da, der
kann (wo du dich nicht bessern willst) aus dem Verhängnis welches Gott
über dich verhängt, dich strafen mit Pestilenz, Hunger, Wasser, Feuer.
Darum niemand denken soll, er könne es führen und der Strafe entlaufen.
Willst du nicht fromm sein und Gottes Wort dich nicht lassen weisen, so muß
dich der Henker oder der Teufel ohne deinen Dank weisen und führen lassen;
aber bestimmt mit deinem Schaden und Verderben.
17. Darum sollst du keinen Unterschied machen zwischen der Strafe, die verborgen
ist und die gewiß ist. Daß sie nun verborgen ist, daß betrügt
die Leute. Wie Salomon auch sagt: Es sei nicht gut, daß die Leute nicht
sofort bestraft werden und unser Herr Gott so lang still schweigt; denn sie
werden nur desto mutwilliger.
18. Ein Dieb, der heute stiehlt, wenn es ihm gelingt, stiehlt er morgen wieder,
und denkt, es werde immer so weiter gehen; solches bringt ihm zuletzt an den
Galgen. Daß er aber bedächte, beizeiten aufzuhören und nicht
mehr zu stehlen, da wird nichts draus. Also tun Ehebrecher, Wucherer, und in
der Summe alle Sünder: je besser es ihnen gelingt, je hitziger und fleißiger
sie darauf werden. Denn sie sehen und kennen diese Worte nicht, obgleich die
Strafe verborgen ist, daß sie dennoch gewiß ist. Wie es sich allewege
findet, daß, dem Sprichwort nach, der Krug so lange zum Brunnen geht,
bis er einmal zerbricht.
19. Darum hüte dich, und laß dich nicht betrügen. Ob die Strafe
schon verborgen ist, bis sie doch gewiß und wird nicht außen bleiben.
Wie die Heiden aus der Erfahrung gelehrt und darum gesagt haben: Wenn unser
Herr Gott kommen und strafen wolle, so ziehe er wollene Socken an, daß
er leise gehen und man ihn nicht hören kann. Das ferner, und sei darum
nicht sicher, ob unser Herr Gott nicht schnell zuschmeißt; sondern fürchte
dich und sieh dich vor. Denn er hat so viel Engel, so viel Knechte, so viel
Plagen, Krieg, Hunger, Pestilenz, daß er dich wohl treffen kann. Er kann
die Luft voll Feuer machen und dich verbrennen. Er kann dich im Wasser ersäufen,
mit Gift, durch unreifes oder ungesundes Obst erwürgen. In der Summe, der
Stricke und Netze sind tausend und aber tausend, die Gott den bösen Buben
und unbußfertigen Sündern stellen läßt.
20. Das ist nun die Ursache, daß unser lieber Herr Christus so treulich
warnt, weint und spricht: Sieh dich vor, Jerusalem; weil die Strafe verborgen
ist, meinst du, sie werde außen bleiben; aber du irrst dich. Denn die
Strafe ist darum nicht verborgen, daß du frei sein sollst; sondern daß
du nur desto gewisser getroffen werden sollst, wenn du die Zeit deiner Heimsuchung
nicht erkennen willst. Willst du nun solches verziehens nicht mißbrauchen,
sondern recht gebrauchen, so höre beizeiten auf zu sündigen, halte
dich hierher zum Wort, so wird dir Rat geschafft; wo nicht, so mußt du
verderben.
21. Auf solche Weise Predigt uns der Liebe Petrus 2. Petrus 3,15. " Die
Geduld oder Langmütigkeit unseres Herrn ", spricht er, " achtet
für eure Seligkeit ". Das ist, laßt euch dünken, es sei
euer Heil, es geschehe euch zum Besten, daß ihr nicht verdammt werdet.
Denn so Gott immer straft, wie und nach dem wir verdienen, so würde, wie
ich oben gesagt, unser keiner über sieben Jahre kommen. Nun, er tut es
nicht, sondern ist langmütig, hält an sich und verzieht mit er Strafe.
Das, spricht Petrus, achtet dafür, es geschehe um eurer Seligkeit willen,
daß ihr sagen sollte: Ach Herr! Ich habe leider viel und oft gesündigt,
jetzt in dem, jetzt in einem anderen. Nun kommt die Strafe nicht, sondern verzieht.
Was bedeutet es aber? Gewiß anderes nicht, denn daß, ob die Strafe
gleich verborgen ist, sie doch gewiß kommen wird. Darum, lieber Vater,
vergib, ich will ablassen und mich bessern. Dieser Spruch vom Petrus ist sehr
wohl zu merken, daß die Geduld Gottes unsere Seligkeit sei.. " Denn
Gott ", spricht er kurz zuvor, " will nicht, daß jemand verloren
werde, sondern daß sich jedermann zur Buße kehre ". Deswegen
wo Gott die Strafe verzieht, geschieht es uns zum Besten. Wer aber nicht ablassen,
sondern in Sünden fortfahren und solcher Geduld Gottes mißbrauchen
will, da muß der Krug letztlich brechen. Wie man sieht: weil der Dieb
nicht beizeiten aufhören will zu stehlen, wird er zuletzt dem Henker zu
Teil; ein unzüchtiges Weib,die von ihrer Büberei nicht ablassen will,
wird endlich zu Schanden vor jedermann. Sonderlich aber hat es Gott mit der
Stadt Jerusalem bewiesen, ob er wohl die Strafe verbirgt und aufhält, daß
er doch endlich kommen will und den Ungehorsam uns nicht schenken.
22. Darum lerne jedermann Gott fürchten, jedermann, Groß und Klein,
jung und alt, lerne, wenn er unrecht tut und davon nicht ablassen will, daß
die Strafe nicht werde außen bleiben. Denn da steht Jerusalem zum ewigen
Beispiel, die heilige, schöne Stadt, welcher auch die heidnischen Geschichten
das Lob geben, daß sie die herrlichste, berühmteste Stadt in den
Morgenländern gewesen; da die ist dahin und zu Grunde vertilgt, daß
niemand weiß, wo ein Haus gestanden ist, darum, daß sie von Sünden
nicht ablassen und sich an das Wort nicht hat kehren wollen. Dies Beispiel hält
uns der Herr im heutigen Evangelium vor, daß wir es zu Herzen nehmen sollen
und uns bessern; oder wissen, wenn wir von Sünden nicht ablassen, dem Wort
nicht folgen und es mit Glauben annehmen wollen, daß Gott mit der Strafe
nicht will außen bleiben, ob er gleich eine Zeitlang damit verzieht; welches
uns, wie gesagt, zum Besten geschieht, daß wir der Zeit wohl brauchen
und von Sünden ablassen sollen. So du aber dich nicht bessern, sondern
nur darum desto frecher werden und deinen Mutwillen desto mehr nachkommen willst;
so wisse, daß das böse Stündlein, ehe denn du dich versiehst,
kommen wird, da dich unser Herr Gott auch schreien lassen wird, aber nicht hören.
23. Denn mit den Juden tat er auch also. Die Belagerung wehrte nur kurze Zeit,
von Ostern bis auf den Herbstmond da hatten sie in der Stadt alle Tage so ein
Opfern, so ein Singen und Beten, daß es wie ein Wunder war. Aber es war
alles umsonst. Gott hatte seine Ohren zugestopft und wollte nicht hören.
Aber es wollte bei dem verstockten Volk nicht sein. Darum, da er die Strafe
offenbarte, verbarg er sich auch und wollte sich nicht finden lassen. Wie Hosea
dem Königreich Israel auch droht am 5. Kapitel Vers 6: " sie werden
kommen mit ihren Schafen und Rindern, den Herrn zu suchen, aber nicht finden;
denn er hat sich von ihnen gewandt "; und Jesaja Kapitel 1,15: " Wenn
ihr eurer Hände werdet aufrecken und beten, will ich es nicht hören
".
24. So laßt uns nun dies Beispiel mit Fleiß merken, auf das, weil
doch Gott mit der Strafe endlich nicht außen bleibt, wir ihn fürchten;
und weil er nicht sobald zuschlägt, sondern Frist gibt, bis wir uns bekehren,
wir ihn auch als einen gnädigen Vater lieb haben, und sagen: oh lieber
Vater, du läßt die Sünde gewiß nicht ungestraft; so verleihe
mir deine Gnade und Heiligen Geist, daß ich mich möge bessern und
der wohlverdienten Strafe entlaufen. Wer also sich zur Buße begibt, der
soll Gnade finden.
25. Jerusalem würde noch heute so stehen wie zuvor, wenn die Juden sich
erkannt, gedemütigt, und gesagt hätten: Lieber Gott, wir haben ja
Unrecht getan, daß wir so böse Buben gewesen und deine lieben Knechte,
die Propheten, gewürget haben. Nun, du hast uns jetzt durch deinen lieben
Sohn daß heilige Evangelium gegeben, gibt Gnade, daß wir uns bekehren
und frömmer möchten werden. Wenn sie das getan hätten, hätten
sie keine Not gehabt; die Römer hätten mit all ihrer Macht sie wohl
müssen zufrieden lassen und daheim bleiben. Weil sie aber in Sünden
fortfuhren, und sagten: O, es hat nicht Not; meinst du, daß Gott die Stadt
so werde zu Boden lassen gehen, da er selbst wohnt und sonst keinen Gottesdienst
haben will? O nein, da wird nichts aus. Da ging es ihnen so, daß kein
Stein auf dem anderen blieb. Und steht nun das arme, zerstörte, verwüstete,
Jerusalem zum Beispiel da aller, die mutwillig böse sind und sich nicht
bessern wollen, daß sie die gleiche Strafe auch leiden werden.
26. Den anderen aber, die Gottes Wort annehmen und sich bessern, wird diese
Geschichte vorgehalten zum Trost und Unterricht, daß sie lernen: wenn
Gott die Strafe verbirgt, daß es ihnen geschehe zu ihrem Frieden und Besten,
Gott wolle ihnen ihre Sünden gnädiglich vergeben, wo sie davon aufhören
und sich bessern. Denn daß wir sündigen, ist kein Wunder; aber Sünde
verteidigen, und unbußfertig und verstockt darin verharren, das kann Gott
nicht dulden, es muß eher alles zu scheitern gehen; sonderlich aber, wenn
er mit der gnädigen Heimsuchung des Wortes kommt und uns gern zur Buße
rufen will.
27. Also ist das arme Jerusalem dahin, und hat nichts als den großen
Titel, daß sie Gottes Stadt, sein eigen Haus und seine eigene Wohnung
hieß. Das machte die Juden sicher, daß sie dachten: Sollte Jerusalem
untergehen? Das könnte nicht sein, es ist Gott mehr daran gelegen; darum,
wenngleich die ganze Welt käme würde sie uns nicht können anhaben,
Gott wird seine Wohnung nicht lassen Wüste werden. Auf diesem Titel hin
und auf die Gnade sündigten sie, fragten nach keiner Predigt. Das stieß
dem Faß den Boden aus und brachte sie in alles Unglück.
28. Weil nun Gott aus besonderen Gnaden uns heutigen Tages auch heimsucht mit
seinem Wort, wir aber alle uns sehr übel dagegen stellen, die Bischöfe
verfolgen es, wir mißbrauchen es zu unserem Geiz, Hoffart und anderen
Sünden: so habe ich die Sorge, Deutschland werde eigentlich eine große
Schlappe leiden müssen, es geschehe gleich durch den Türken, oder
sonst durch Krieg, Hunger und andere Plagen. Darum laßt uns dies Beispiel
wohl zu Herzen nehmen, daß Jerusalem so jämmerlich ist verwüstet
worden, weil es Gottes Wort nicht angenommen, sondern verachtet hat: auf das
wir lernen Gottes Worten ehren, gern hören, und wir schon sündigen,
daß wir doch umkehren und uns bessern. Das ist das erste Stück des
heutigen Evangeliums.
29. Danach meldet der Evangelist, wie Jesus in den Tempel gegangen und da angefangen
habe, die auszutreiben, die darin kauften und verkauften, und gesagt: "
Mein Haus ist ein Bethaus, aber ihr habt es gemacht zur Mördergrube ".
30. Dieses tut Christus aus einer besonderen Gewalt, und ist es zu achten gleich
wie andere Wunderzeichen, die wir ihm nicht können nachtun. Sonst sollten
so viele große und gewaltige Junker, die ihren Nutzen davon hatten, ihn
abgehalten, und solches nicht gestattet, noch von ihm gewichen, der ohne Schwert,
allein mit einer Geißel (wie die anderen Evangelisten melden) solches
gewagt hat.
31. Daß sie nun solche Gewalt und Schaden leiden und dazu still schweigen,
das ist eine Anzeigung, daß der Herr ebenso ein Wort mit ihnen geredet
hat wie er mit den Juden redete im Garten, da sie alle hinter sich zurückfielen
auf die Erde. Darum soll niemand diese Geschichte dahin deuten, daß die
Prediger Hand anlegen und dergleichen, wie Christus hier, Gewalt brauchen wollten.
Denn wo Christus nicht mehr denn menschliche Gewalt hier brauchen hätte
wollen, würde er allein, gegen so viele, wenig haben ausgerichtet.
32. Wir sollen aber nicht allein auf das Werk, sondern auch auf die Ursache
sehen. Die hängt der Herr mit den Worten dran, da er sagt: " Mein
Haus ist ein Bethaus, aber ihr habt es zur Mördergrube gemacht ".
Was mag den Herrn so zu einem harten Wort bewegen? Denn sie haben keinen Mord
in Tempel begangen, sondern ihren Handel getan, nämlich, daß sie
da ihre Wechselbank gehabt, mit dem Vieh groß und klein, wie man es zum
Opfer bedurfte, Markt gehalten. Denn die Juden, die fern von Jerusalem wohnten,
konnten nicht von zu Hause mitbringen was sie opfern wollten. Da waren der Hohenpriester
Diener geschickt, daß immer Vieh vorhanden war und vielleicht auch Geld
zum Opfer. Denn der Tempel hatte seine besondere Münze, wie man hin und
wieder in den Historien findet.
33. Dieses alles scheint mehr zu loben, denn zu tadeln. Denn weil Gott selbst
solchen Gottesdienst geordnet und befohlen hatte, wer wollte es für Unrecht
achten, daß man ihn so um fördert und treu dazu hilft, daß
er wohl gehe. Aber es hatte eine andere Meinung. Die Pfaffen gaben es wohl also
vor, daß sie es täten, den Gottesdienst damit zu fördern; aber
am Gottesdienst wäre ihnen so viel nicht gelegen, wenn es nicht soviel
Geld eingebracht hätte. Darum ist es ihnen um das Geld und nicht um unseren
Herrn Gott zu tun gewesen. Solcher Geiz hat sie getrieben, daß sie nichts
haben predigen können, denn von opfern; haben solchen Gottesdienst eben
gerühmt, wie die Pfaffen und Mönche ihre Meßopfer, daß
man dadurch Sünde ablege und zu Gottes Gnaden komme. Das hat die Leute
mit Haufen herbei gebracht und getrieben, daß sie den rechten Gottesdienst
(der da heißt, Gott fürchten und auf seine Güte trauen, und
fleißig sich zum Wort Gottes halten) vergessen haben; sind in Sünden
mit aller Sicherheit fortgefahren; haben dabei gedacht, wenn sie nur Schlachten
und opfern, soll es keine Not haben. Wie man in den Propheten sieht, daß
sie um solcher Ursache Willen sehr heftig wieder ihr Opfer predigen.
34. Das ist die rechte Sünde, die da heißt Morden, da nicht der
Leib, sondern die Seelen in Ewigkeit ermordet werden, nämlich, wenn man
die Leute auf ihre eigenen Werk lehrt und Vertrauen, und nicht auf Gottes Güte
und Barmherzigkeit. Das konnte Christus nicht leiden. Wir sollen es auch nicht
leiden, sondern wehren, soviel wir können, durch das Wort (denn sonst ist
uns nichts befohlen): daß die Leute davon abtreten und auf ihre eigenen
Werke und Verdienst Vertrauen, als wollten sie dadurch Sünde ablegen und
selig werden; und sich von Herzen begeben und ihr Vertrauen setzen allein auf
Gottes Barmherzigkeit, der um Christus Willen uns Sünde vergeben, gerecht
und selig machen will. Danach soll man die Leute auch heißen Fromm sein,
nicht ihren eigenen Gedanken, sondern dem Wort Gottes folgen, und sich nach
denselben halten. Wer solches tut, der braucht des Tempels und seines Amtes
recht. Wer es nicht tut, der mißbraucht es und ist ein Seelenmörder.
35. Eben diesen Titel gibt auch Hosea den Priestern dem Königreich Israel,
und scheint fast, als habe der Herr auf solchen Spruch Hosea gesehen, denn so
spricht er Kapitel 6,9.: " die Priester samt ihren Gesellen sind wie Strauchdiebe,
so da lauern und würgen auf dem Wege, der hinab gen Sichem geht ".
Will damit den Schaden anzeigen, den sie mit falscher Lehre anrichten. Denn
da sie das Volk auf das Opfer Christi weisen sollten, weißen sie auf das
Kühe-und Ochsen Schlachten, als wäre es damit alles ausgerichtet und
man bedürfte sonst nichts mehr zum ewigen Leben. Solches alles machte wohl
eine volle Kirche und Keller, denn sie hatten ihren Teil dazu. Aber die Leute
kamen nicht allein um das Geld dadurch, sondern auch um die Seelen und Seligkeit.
Das kann Christus nicht leiden, stürzt deswegen alles über einen Haufen.
36. Wie aber dazumal wunderbarlicher Weise getan hat, also sieht man, daß
Gott in der Kirche immer solche Strafe wieder die Rottengeister und falschen
Prediger noch gehen läßt. Darum wird es mit den gottlosen Bischöfen,
Pfaffen und Mönchen, die um ihres Geizes Willen Messe und andere Abgötterei
halten, sich auch eines Tages finden, daß sie Gott austreiben und ihnen
ihren Jahrmarkt umstoßen wird, es tue der Türke oder jemand anders.
37. Das sei vom heutigen Evangelium auf diesmal genug. Gott, der Vater aller
Barmherzigkeit, wolle um Christus Willen, durch seinen Heiligen Geist, unsere
Herzen zur einer Furcht erwecken, und uns bei dem Wort gnädig erhalten,
und vor allem Jammer leiblich und ewig behüten, Amen.
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