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Da aber Johannes im Gefängnis die Werke Christi hörte, sandte er
seiner Jünger zwei, und ließ ihm sagen: Bist du, der da kommen soll,
oder sollen wir eines anderen warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen:
Gehet hin und saget Johannes wieder, was ihr sehet und höret; die Blinden
sehen, und die Lahmen gehen; die Aussätzigen werden rein, und die Tauben
hören; die Toten stehen auf, und den Armen wird das Evangelium gepredigt.
Und selig ist, der sich nicht an mir ärgert. Da die hingingen, fing Jesus
an zu reden zu dem Volk von Johannes: Was seid ihr hinaus gegangen in die Wüste
zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, daß der Wind hin und her webt? Oder
was seid ihr hinaus gegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen
Kleidern sehen? Siehe, die da weiche Kleider tragen, sind in der Könige
Häusern. Oder was seid ihr hinaus gegangen zu sehen? Wolltet ihr einen
Propheten sehen? Ja, ich sage euch, der auch mehr ist, denn ein Prophet. Denn
dieser ists, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor dir
her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.
1. In diesem Evangelium sind zwei Stücke: das erste, wie Johannes seine
Jünger aus dem Gefängnis zu Christus sendet, daß sie ihn hören,
und seine Wunderwerke sehen, und ihn als den rechten Messias oder Christum annehmen
sollen. Und dient uns dazu, daß wir unseres lieben Herrn Christi Wort
auch gern hören, und für den höchsten Schatz achten sollen, an
dem alle unsere Seligkeit gelegen ist. Das andere Stück ist eine Predigt,
damit unser lieber Herr Christus nicht allein den Heiligen Johannes trefflich
hoch rühmt und lobt, daß er ein Ausbund sei vor allen anderen Predigern,
besonders weil er seines Amtes so fleißig wartet, daß er damals,
da er im Kerker und Gefängnis war und selbst nicht predigen konnte, dennoch
seine Jünger zu Christus sendet; sondern er schimpft auch die Juden ihres
Unglaubens wegen, daß sie solchen Prediger so gering achten und nach seiner
Predigt garnichts fragen. Solches dient uns dazu, daß wir vor solcher
Unart uns hüten, Gottes Wort nicht verachten, sondern es gern hören
und uns darum bessern sollen.
2. Das erste nun, daß wir das Wort Christi fleißig hören sollen,
ist dabei angezeigt, daß Johannes, da er schon im Gefängnis lag,
alsbald er von den Wunderwerken Christi hört, seine Jünger zu ihm
sendet, mit einem solchen Befehl, daß sie ihn fragen sollten: Ob er der
sei, der da kommen sollte, von welchem Moses und alle anderen Propheten soviel
geweissagt hätten und hernach im Neuen Testaments soviel gepredigt sollte
werden? Das ist, ob er der verheißene Christus sei, von dem geschrieben
stünde, daß er der Juden Reich und Moses Lehre sollte bestehen bis
auf seine Zukunft; danach sollte Moses Lehre und Gottesdienst aufhören,
und eine neue Lehre und neuer Gottesdienst angerichtet werden, nicht allein
unter den Juden, sondern auch unter den Heiden in der ganzen Welt.
3. Wie denn solches war lauter und klar zuvor geweissagt. Darum, weil es bald,
nach dem Johannes im Gefängnis war, angegangen, und der Herr Christus vom
ewigen Leben und dem Reich Gottes jetzt predigte und Wunderwerke tat, wollte
Johannes seine Jünger zu ihm weisen; schickt sie deswegen hin zu Christus,
daß sie mit ihren Augen die Wunderwerke sehen und mit ihren Ohren die
Predigt hören sollten, da solange Zeit zuvor die Propheten von geweissagt
hatten, daß sie Christus auf Erden bringen und sich also offenbaren würde.
4. Deswegen ist solches Schicken anderes nichts, denn als sagte Johannes also:
Ich weiß es zwar wohl, daß er der rechte Christus ist, aber die
Leute glaubens nicht. Deswegen gehet ihr jetzt zu ihm und hörets von ihm
selbst, auf das ihr euch von mir und dem ganzen Judentum wegtut, und hängt
euch an diesen Mann, an welchem alles gelegen ist, was euer und der ganzen Welt
Seligkeit betrifft. Das ist die eigentliche Meinung dieser Botschaft zu Christus,
daß seine Jünger ihn selbst sehen und hören, ihm in Kundschaft
kommen, und also an ihn glauben und selig werden sollen.
5. Nun, was sagte aber Christus zu solcher Botschaft? Er sagt weder Ja noch
Nein, da sie ihn fragten, ob ers sei; sondern antwortet bloß mit den Werken
und spricht: Ihr sehets, hörets und greifts, daß ich es bin. Denn
eben wie Jesaja und andere Propheten geweissagt haben, daß Christus die
Lahmen gerade, die Blinden sehend machen werde, so sehet ihr jetzt vor euren
Augen, bedürft also weiter keines Unterricht noch Antwort, wenn ihr euch
nur wolltet recht auf das Wort schicken.
6. Das ist und eine schöne, herrliche und tröstliche Predigt, die
alles sehr fein fasset, was man von Christus predigen kann, nämlich was
er für ein König sei, und für ein Reich habe, nämlich ein
solches Reich, da Blinde, Lahme, Aussätzige, Taube, tote Leute, und besonders
die armen Sünder, und alles, was ihnen, dürftig und nichts ist, zugehören,
und da Trost und Hilfe finden. Diese Predigt von Christus und seinem Reich sollten
wir mit Fleiß merken, und immerdar unter uns klingen lassen, daß
Christus ein solches Reich habe, und ein solcher König sei, der den elenden,
armen Leuten an Leib und Seele helfen wolle, was sonst unmöglich ist, das
alle Welt mit ihren Künsten helfen könnte. Denn es ist nie ein so
großer Doktor gekommen, der einen Blinden hätte können sehen,
einen Aussätzigen rein machen. Gleichwie auch nie kein Prediger gewesen
ist, der den Armen hätte können das Evangelium predigen, das ist,
die betrübten, elenden, geängstigsten Gewissen auf sich weisen und
trösten, die erschrockenen Herzen, die in Schwermut und Kümmernis
ersoffen sind, fröhlich und guter Dinge machen.
7. Moses ist der höchste Prediger, aber diese Kunst kann er nicht, daß
er arme Sünder sollte trösten, ja, das Widerspiel tut er; denn alle
seine Predigten lauten also: Du sollst und mußt das Gesetz halten, oder
verdammt sein. Da kommt dann ein Jammer: die ihre Sünde fühlen, und
von der Sünde gern los wären, leben nach dem Gesetz, können aber
nicht zufrieden sein, noch ein fröhliches Herz und Gewissen dadurch erlangen.
Wie denn die Heiligen im Alten Testament klagen, so Moses Regiment überdrüssig
sind, und ein herzliches sehnen nach dem Reich der Gnade, in Christus verheißen,
haben. Als, Psalm 14,7.: " Ach, daß aus Zion die Hilfe über
Israel käme, und der Herr sein gefangen Volk erlöste ". Und Psalm
102, 14.: " du wolltest dich auf machen, denn es ist Zeit, daß du
ihr gnädig seist ". Wiederum die Heuchler meinen, wenn sie äußerlich
das Gesetz halten, so dürfen sie kein Evangelium noch Christum, denken,
es haben nicht Not, Gott müsse sie wohl wegen ihres Fastens, Betens, Almosen
gebens wegen in den Himmel nehmen. Das sind die sicheren, satten Geister, die
unseres Herrn Gottes und seiner Gnade nicht bedürfen.
8. Nun ist es wohl wahr, Moses Predigt muß man haben, und die Leute zu
solcher äußerlichen Zucht und gutem Wandel vermahnen; eben wie man
im Weltregiment Henker und Polizei darum haben muß, den wilden rohen Haufen
zu strafen, wenn solche äußerliche Zucht nicht hält, sondern
hurt, stiehlt, geizt, wuchert. Aber wenn das Stündlein kommt, daß
du Sterben sollst, sage mir, was hilft dir Moses Lehre, wenn du dich gleich
danach gehalten hast? Ist es nicht wahr, du mußt bekennen, und sagen:
Lieber Herr Gott, ob ich gleich kein Ehebrecher, Dieb noch Mörder gewesen
bin, so begehre ich doch, du wollest mir gnädig und barmherzig sein, ich
muß sonst auch bei allen meinen guten Werken verzweifeln.
9. Davon kann man in der Geschichte: " Leben der Väter " lesen.
Es stand jemand drei Tage an einer Stätte, hob immer auf die Augen zum
Himmel, zeufste und klagte. Als ihn aber seine Jünger fragten, was er hätte?
Antwortete er: Ich fürchte mich vor dem Tode. Da fingen seine Jünger
an, und erzählten, was er doch für ein strenges Leben geführt
und sich so fleißig nach Gottes Geboten gehalten hätte, meinten,
sie könnten ihn dadurch trösten. Aber er sprach: Ich sage euch, daß
ich mich sehr fürchte; ich habe wohl, wie ihr sagt, mich fleißig
nach Gottes Wort gehalten, noch kann ich solcher Furcht nicht los sein; denn
ich weiß, daß Gottes Gerichte anders sind, denn der Menschen Gerichte.
Dieser ist soweit gekommen, daß er gesehen hat, wenn die Züge kommen,
die vor Gott und sein Gericht treiben, daß Gottes Gericht so scharf, ernst
und schwer ist, daß unsere Heiligkeit und guten Werke den Stich nicht
halten, noch wir damit bestehen können.
10. Deswegen, ob man das Gesetz gleich predigen, und sich in guten Werken ohne
Unterlaß üben, und nach dem Wort Gottes sich alle Zeit richten soll;
doch wenn es soweit kommt, daß man sterben soll, so muß man sagen,
wie dieser Vater: Ach Gott, wer hilft jetzt? Dieser ist der elenden auch einer,
da hier von steht, aber er weiß nicht, woran er sich halten soll. Denn
dies mangelt ihm, wovon der Herr hier sagt: " Den Armen wird das Evangelium
gepredigt ". Er sieht und hat nicht mehr, denn das Gesetz; und läßt
ihm ein Böses Gewissen, in Angst und Not stecken, und kann alles nicht
trösten.
11. Das Evangelium aber ist eine solche Predigt von Christus, die zu dem Sünder
sagt: Mein Sohn, sei getrost und fröhlich, erschrecke nicht; denn du sollst
wissen, daß Christus befohlen hat, den Armen, das ist, den elenden, betrübten
Herzen, Gnade anzusagen, daß er seine Reinigkeit, die göttlich und
ewig ist, für dich setzen, dich mit Gott zufrieden machen, deine Sünder
abwaschen und vergeben wolle. Diese Gnade heißt er dir durch sein Wort
anbieten; darum zweifle nicht, wie du hörst und glaubst du es nun, so wird
es dir wiederfahren.
12. So heißt nun Evangelium eine gnadenreiche, selige Lehre und tröstliche
Botschaft; als wenn ein reicher Mann einen armen Bettler tausend Gulden zusagt,
daß wäre ihm ein Evangelium, eine frohe Botschaft, die er gern hören
und von Herzen fröhlich darüber würde. Aber was ist Geld und
Gut gegen diese tröstliche und gnadenreiche Predigt, daß Christus
der Elenden sich annimmt, und ein solcher König ist, der den armen Sündern,
die unter dem Gesetz gefangen sind, zum ewigen Leben und Gerechtigkeit helfen
will!
13. Das, sagt Christus hier, ist mein Reich, ein ganz anderes Reich, denn als
das Weltreich ist. Da geht es so zu, daß man dem Stärksten hilft
und wie das Sprichwort lautet: Der Stärkere steckt den anderen in seinen
Sack. Das Weltreich regiert nach der Schärfe mit dem Schwert, schlägt
und haut überall um sich, es soll auch keine Laster und Untugenden leiden.
Deshalb muß es Henker, Ruten, Schwert, Wasser, Feuer dazu haben, damit
es überall strafen kann.
14. Aber hier im Reich Christi ist es ganz anders, daß hat nichts zu
schaffen mit starken, Heiligen Leuten, sondern mit schwachen, armen Sündern,
wie Christus spricht: " Die Blinden sehen, die Toten stehen auf ".
Nun, Tote auferwecken ist ein großes Wunderwerk; aber dies Wunderwerk
ist viel größer und herrlicher, obwohl es das Ansehen nicht hat,
nämlich: daß Gott also die Welt liebt, daß er seinen Sohn gibt,
den er von Ewigkeit dazu geordnet hat, daß er ein König der Sünder
sei, denselben das Evangelium predige. Von solchem König und Evangelium
predigt Moses und das Gesetz nicht. Da heißt es also: Wer ein Sünder
ist, gehört in des Teufels und des Todes Reich. Das lautet, als sei unser
Herr Gott ein König der Heiligen und Frommen, die eine größere
Frömmigkeit haben, als es das Weltregiment fordert. Und es ist wahr. Denn
Moses Reich ist auch unseres Herrn Gottes Reich, und die Predigt, die er führt,
ist Gottes Wort. Eben wie auch das weltliche Regiment Gottes Reich genannt werden
mag. Denn er will haben, daß es bleiben und wir uns in denselben gehorsam
halten sollen. Es ist aber nur das Reich der linken Hand, da er Vater, Mutter,
Kaiser, König, Richter, Henker hin setzt und ihnen das Regiment befiehlt.
15. Sein rechtes Reich aber, da er selbst ist und regiert, ist dies, daß
den Armen das Evangelium gepredigt wird, in welchem du lernst, wenn es dahin
kommt, daß deine Frömmigkeit dir nie helfen kann, damit du sprichst:
Herr, ich habe getan, was ich gekonnt habe, meinem Vater, meinem Herrn treu
gedient, niemand betrogen, nicht gemurrt, mein Haus, Kinder und Nächte
treulich unterrichtet, und, so viel möglich, gut regiert, meinem Nächsten
nicht zum Schaden gelebt, nicht gestohlen, nicht die Ehe gebrochen: aber wo
nun hin? Denn solches hilft dir vor dem Gericht nicht, auch fördert es
nichts zum Reich Gottes. Doch, lieber Herr, ich will darum nicht verzagen noch
verzweifeln; denn ich habe einmal in deinem Evangelium gehört, daß
Dein Sohn, mein lieber Herr Jesus Christus, sechs verschiedene Wunderzeichen
getan hat. Unter denselben wird auch dieses bedacht, daß den Armen das
Evangelium gepredigt wird, das ist, daß er von dir, himmlischer Vater,
dazu geordnet sei, daß er die erschrockenen Herzen trösten soll.
Dieser Predigt will ich mich auch annehmen; denn sie gehört mir, weil ich
so Arm und Elend bin, und sonst keine Hilfe weder in mir noch in der ganzen
Welt sonst finden kann.
16. Also weissagt der Prophet Jesaja von Christus im 50. Kapitel, 4 da er,
der Herr Christus, selbst spricht: " Der Herr hat mir eine gelehrte Zunge,
gegeben ", das ist, Gott hat sein Wort auf meine Zunge gelegt, " daß
ich wisse mit den Müden zu rechter Zeit zu reden ", das ist, die blöden
Gewissen recht trösten. Das legt hier der Evangelist aus, und sagt: Christus
predigt den Armen das Evangelium. Denn darum und dazu ist er zum König
gesetzt, daß er evangelisieren, das ist, die armen, blöden, betrübten
Herzen trösten und stärken soll; darum sein Reich auch heißt
und ist ein Trostreich und Hilfereich, in welchem man die Blöden nicht
mehr erschrecken, oder in Angst stecken lassen, sondern sie trösten und
fröhlich machen soll. Solches aber geschieht nicht durch des Gesetzes Predigt,
sondern allein durch das Evangelium. Das ist die fröhliche gute Botschaft,
daß durch Christum für unsere Sünden bezahlt und für sein
Leiden wir vom ewigen Tode erlöst sind. Diese Predigt gehört für
die armen, spricht der Herr, da will ich hin; denn zu den großen Heiligen
kann ich nicht kommen, die keine Sünder sein wollen und das Evangelium
nicht bedürfen, ja, verfolgen, und schimpfen es als Ketzerei, sagen, man
verbiete gute Werke, man predige gegen Mose und das Gesetz.
17. Darum so spricht der Herr weiter: " selig ist, der sich an mir nicht
ärgert ". Denn an diesem König und seiner Predigt, an der sich
jedermann freuen sollte, ärgert sich die ganze Welt. Wie wir in der Geschichte
des Evangelium sehen, daß die Pharisäer, Schriftgelehrten, Hohenpriester,
Priester, Leviten und alles, was nur hoch und groß ist, Christum für
einen Verführer und seine Predigt für Ketzerei halten und verdammen.
Er kann ihnen nie recht predigen, sie denken immerdar, er kehrt alles um und
mache es nicht richtig. Er wolle die Frommen und Gerechten (wie er denn auch
tut) in die Hölle stoßen und in seinem Reich nicht leiden; die Sünder
aber in den Himmel heben. Eben wie die Katholiken uns heutigen Tages auch tun.
Heißt daß, sagen sie, recht predigen, daß man die guten Werke
gar nicht gelten lassen will, und den bösen Buben den Himmel aufsperren?
Diese Nachrede hat unser lieber Herr Christus unter den Juden auch leiden müssen.
18. Aber hier steht es: " Selig ist, der sich an mir nicht ärgert
". Nun, hörst du Christum recht, nähmest sein Wort an, und du
kommst in sein Reich, so würdest du erfahren, daß das Evangelium
gute Werke nicht verbietet, wie die Katholiken an uns lügen; sondern die
Christen lehrt und vermahnt, gute Werke zu tun, daß sie sich mit Ernst
darum annehmen, daß sie gegen Gottes Wort und Gewissens sich nichts vornehmen;
läßt die weltliche Obrigkeit bleiben, Kaiser, König, läßt
den Henker das Schwert, Rute und anderes brauchen, was zur Zucht gehört.
Warum ärgerest du dich denn an dem Heiligen Evangelium, und lästerst
es, daß man nichts Gutes tun soll? Gute Werke verwirft noch verbietet
das Evangelium nicht. Das aber verbietet es, wenn wir jetzt sterben, und in
ein anderes Leben kommen sollen, und da keine Rat noch eine Hilfe ist, daß
wir dann auf unser Leben und gute Werke nicht bauen noch trauen sollen; sondern
uns nach dem Herrn Christus umsehen, mit festem Vertrauen auf sein Werk und
Verdienst uns verlassen, daß wir durch ihn Gnade und ewige Seligkeit in
jenen Leben finden sollen.
19. Denn eben darum hat uns Gott einen solchen Leib, mit so manchen guten Gliedern,
gegeben, daß wir hier auf Erden nicht müßig sein, sondern mit
den Füßen gehen, mit den Händen zugreifen, mit dem Mund reden,
mit den Augen sehen sollen. Über das alles hat er auch sein Wort, die Zehn
Gebote gegeben, daß wir unsere Werke alle danach richten, wieder seiner
Ehre und unseres Nächsten Nutz nicht handeln sollen. Solches läßt
das Evangelium nicht allein geschehen, sondern heißt auch, wir sollen
es fleißig tun. Wenn aber der Mensch jetzt bloß und allein ist,
und aus dieser Welt vor Gottes Gericht kommen soll, da befiehlt das Evangelium
nach einen anderem Trost umsehen, da du deine Hoffnung und Herz drauf stellen
und gründen kannst.
20. Darum hast du wohl gelebt: ist recht und gut, danke Gott darum; aber verlasse
dich im Sterben nicht darauf, als sollte Gott dir dafür den Himmel geben;
sondern halte dich hier zu diesem König, unserem Herrn Christus Jesus,
der, wie der Evangelist hier meldet, das Amt haben soll, daß er die Blinden
sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein, die Tauben hörend
machen, die Toten auferwecken, und den Armen daß Evangelium predigen,
das ist, die elenden, betrübten Herzen trösten soll. Denn er ist von
seinem Vater nicht dazu gesetzt, daß er uns um unserer Sünde willen
hängen oder erwürgen soll, sondern daß er den armen Gewissen
raten, sie aufrichten, trösten und ihnen ewig helfen soll.
21. Die nun ihn dafür nicht ansehen, noch von ihm Gnade erhoffen, sondern
sich an ihm und seiner Lehre ärgern und ihn verachten, wie die Juden taten
und die Heuchler auch noch heute tun, denen wird er zu seiner Zeit es richten.
Und ist eben das der Ärgernisse eins, daß die Welt sich an der Lehre
Christi ärgert, daß sie nicht will auf Gottes Gnade, sondern auf
ihr eigenes Werk und Verdienst sich verlassen. Schimpft deswegen das heilige
Evangelium, es sei eine verführerische Lehre, die gute Werke verbiete,
die Leute böse und wild mache.
22. Zum anderen ärgert sich die Welt auch an dem an Christus, daß
er so ganz arm und elend ist; also, daß er das Kreuz trägt und sich
daran hängen läßt: also vermahnt er auch seine Christen, ihr
Kreuz auf sich zu nehmen, und ihm also durch allerlei Anfechtung Trübsal
nachzufolgen. Solchem ist die Welt immer feind, scheuen sich davor, und eben
wie man sieht, wenn wir das Evangelium bekennen, und um des Evangeliums willen
etwas wagen oder leiden sollen, daß sie mit großen Haufen dahin
fallen, wie das wurmstichige Obst im Sommer.
23. Zum dritten heißt das auch ein Ärgerniß, wenn wir uns
mehr an unser Herz und Gewissen kehren, wie wir uns fühlen, denn an das
Evangelium von Christum; das ist, wenn uns unser Tun und Lassen mehr anficht
und bekümmert, denn die Gnade unseres lieben Herrn Jesu Christi, im Evangelium
verkündigt, uns tröstet. Solches Ärgerniß ist nicht so
gemein, als die ersten zwei; denn die rechten Christen allein werden damit angefochten.
Aber es tut über die Maßen weh; und wo es ohne des Heiligen Geistes
Hilfe und Beistand wäre, würde keiner in solchen Ärgernissen
bestehen können.
24. Also ist der liebe Herr Christus überall in der Welt ein ärgerlicher
Prediger; wie er nach diesem Evangelium noch klarer meldet, daß die Leute
an diese Predigt sich stoßen, und sie verachten werden und verfolgen.
Was aber die Welt für ein Urteil darum muß ausstehen, zeigt die schreckliche
Predigt an wider die drei Städte, Kapernaum, Chorazin und Bethsaida; also,
die ernste Klage Christi wider die Juden, da er spricht: Johannes ist ein strenger
Prediger gewesen, aß nur wilden Honig und Heuschrecken, trank nichts denn
Wasser, führte dazu ein sehr hartes Leben, aber was halfs? Ihr gabt ihm
die Schuld, er hätte den Teufel. Ich, spricht er, esse und trinke mit jedermann,
und halte mich auf das allerfreundlichste zu den Leuten; so muß ich für
euch ein Fresser und Weinsäufer sein, der sich zu Zöllnern und Sündern
halte. Kann also niemand mit den giftigen Schlangen, den Heuchlern und Werkheiligen
auskommen. Lebt einer frei und tut sich freundlich zu den Leuten, so taugt es
nicht. Führt ein anderer ein strenges und hartes Leben, so taugt es aber
auch nicht. Wie soll mans denn der schändlichen Welt noch machen? Das möchte
ihr gefallen, wenn man alles lobt, was sie tut, so sie selbst doch nichts rechtes
tut.
25. Solche Ärgernisse muß man leiden. Denn so es damals, als der
Herr Christus selbst gepredigt, und mit Wunderzeichen geregnet und geschneit
hat, daß die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Lahmen gerade,
die Aussätzigen rein, die Toten wieder lebendig geworden sind, nicht hat
helfen wollen; sondern das Wort ist gleichwohl verachtet, und er, der liebe
Herr Christus, darüber an das Kreuz geschlagen, und die Apostel aus dem
jüdischen Land verjagt worden sind, und nirgend in der ganzen Welt um dieser
Predigt willen sicher sein konnten: was wollen wir denn sehr darüber klagen?
Und was für ein Wunder ists, daß die Welt daß heilige Evangelium
und rechtschaffene Prediger zu unserer Zeit so verachtet und mit Füßen
tritt. Ist es doch damals Christus, unserem Herrn, selbst und den Aposteln nicht
anders gegangen, welche nicht allein das Wort führten, sondern auch noch
treffliche große Wunderzeichen taten, die wir nicht tun, sondern allein
das bloße, ärgerliche Wort führen.
26. Deswegen müssen wir uns daran gewöhnen und geschehen lassen.
Denn dem Evangelium wird es nie anders gehen. Es ist und bleibt eine Predigt,
daran sich nicht allein nur geringe Leute stoßen, sondern die heiligesten,
frömmsten, weißesten, gewaltigesten auf Erden, wie die Erfahrung
zeigt. Wohl aber denen, die wissen und glauben, daß es Gottes Wort ist;
die sind genesen, getröstet und gestärkt wider alle solche Ärgernisse.
Die es aber nicht wissen, blasen sich auf ihrer guten Werke willen, fallen von
diesem Wort auf ihre eigene Gerechtigkeit, und halten es für eine ärgerliche
und aufrührerische Lehre. Das heißt denn angestoßen und sich
geärgert. Und solches tun, wie gesagt, die, so vor der Welt die größten
Heiligen und klügsten Leute gehalten werden. Deswegen mögen wir mit
dem Herrn Christus wohl über die blinde Welt klagen, und sagen: "
Wir haben euch gepfiffen, und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben euch geklagt,
und ihr wolltet nicht weinen ". Predigen wir das Evangelium, so hilft es
nicht. Man kann die böse Welt weder recht fröhlich noch recht traurig
machen, das ist, sie will sich weder zu Sündern machen, noch sich wider
die Sünde trösten lassen; sie will weder blind noch sehend sein, wie
das Beispiel mit unseren Widersachern, den Katholiken, vor Augen ist.
27. Das ist nun das andere Stück, daß wir hier merken sollen: daß
das Evangelium eine Lehre und Predigt für die Armen ist, das ist, für
die betrübten, geänstigten Gewissen, die ihr Elend und Jammer fühlen,
sich vor Gottes Zorn und Gericht entsetzen und erschrecken; nicht für die
Reichen, die alle ihr Tun und Gedanken dahin richten, daß sie hier große
Ehre und Gut haben mögen und in Freuden und Wohllust leben. Darum ist es
ihnen in ihren Ohren eine seltsame wunderliche Predigt, wenn Christus, der Herr,
spricht: " Den Armen wird das Evangelium gepredigt ", welches sie
nicht begehren zu wissen noch zu lernen, ja, halten es für Narrheit, ärgern
sich nicht allein daran, sondern verfolgen es und lästern es als Ketzerei.
Wie wir denn sehen am Papst, und seinen geistlosen Kardinälen, Bischöfen,
auch am meisten Teil der größten und wichtigsten weltlichen Herrschaften,
die dem Papst anhangen. Das also alles, was fromm, heilig, und gewaltig in der
Welt ist, sich wider das Evangelium setzt.
28. Vor solchem Ärgerniß, wie gesagt, warnt Christus sein Häuflein
und spricht: . " Selig ist, der sich an mir nicht ärgert ". Als
wollte er sagen: Wenn ihr nun sehet und erfahret, daß die Welt sich an
meinem Wort ärgert, euch, die ihr es bekennt, darüber verfolgen wird,
so laßt euch nicht beirren noch anfechten, sondern denkt: ist es doch
Christus, Gottes Sohn, unserem Herrn, selbst auch so gegangen. Und ob er wohl
so gewaltig predigte, und so viel herrliche große Wunderzeichen tat, hat
es ihn dennoch nichts geholfen. Und das wir ja andächtig sein sollten,
nicht uns der Welt Weisheit, Herrlichkeit, Gewalt und große Menge uns
beeindrucken, davor warnt er uns, wir sollen an seinem Wort festhalten, da er
spricht: " Selig ist, der sich nicht an mir ärgert".
29. Weil es denn unseren lieben Herrn Christus Jesus selbst begegnet ist, daß
sich sein eigenes Volk, dem er verheißen und gesandt zum Heiland war,
an ihm geärgert hat, und ob sie wohl seine herrlichen, großen Wunderzeichen
sahen, die er vor ihren Augen tat, sich dadurch trotzdem nicht bewegen lassen,
seiner Predigt zu glauben und ihn anzunehmen, ja, haben ihn gekreuzigt und ermordet:
so mögen wir wohl schweigen und nicht klagen, wenn wir um des Evangeliums
willen auch verachtet, verlacht und verfolgt werden. Solche Lehre vom Ärgerniß
ist uns nötig, besonders in diesen Zeiten, da jedermann das Evangelium
lästert und sich daran ärgert.
30. Also haben wir aus dem heutigen Evangelium eine treffliche und hohe Lehre,
an welcher unsere Seligkeit und das ewige Leben gelegen ist, nämlich, daß
wir lernen, wie Christus ein König der Gnaden und alles Trostes sei, der
den Armen betrübten Gewissen durch sein Evangelium freundlich zusprechen,
und sie in Sünden trösten, und ihnen zum ewigen Leben helfen will.
Denn obwohl das strenge weltliche Regiment auch Gottes Reich ist, so ist es
doch nur ein linkes Reich, daß einmal aufhören soll. Dies aber ist
sein rechtes und ewiges Reich, daß zu uns kommt durch das Wort, wenn wir,
so der Sünde und des Todes Last drückt (denn solchen wird es gepredigt),
dasselbe annehmen und glauben. Das tröstet und versichert uns denn, daß
wir gewiß auf Christus dahin fahren sollen, und mit gewisser Zuversicht
sagen: Ich glaube an meinen Herrn Jesus Christum, der die Blinden sehend, die
Lahmen gehend, die Aussätzigen rein, die Tauben hörend und die Toten
lebendig gemacht. Das Wort habe ich, und bin deswegen gewiß, daß
er mich in meinen höchsten Nöten nicht stecken lassen, sondern mich
aus dem Tod und des Teufels Reich ins ewige Leben und Himmelreich führen
wird. Denn darum ist er Mensch geworden und zu mir auf Erden gekommen, daß
er mich armen, elenden Sünder durch sein Evangelium trösten und mir
von Sünde und Tod in Ewigkeit helfen will. Alle nun, die solches von Herzen
glauben, die fahren dahin aus diesen Jammertal in die ewige Freude und Seligkeit.
Das verleihe uns unser lieber Herr Christus, Amen.
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