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Da trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder,
der an mir sündigt, vergeben? Ist es genug siebenmal? Jesus sprach zu ihm:
Ich sage dir, nicht siebenmal, siebzig mal siebenmal. Darum ist das Himmelreich
gleich einem Könige, der mit seinen Knechte rechnen wollte. Und als er
anfing zu rechnen, kam ihm einer vor, der war ihm 10000 Pfund schuldig. Da er
es nun nicht hatte zu bezahlen, hieß der Herr verkaufen ihn und sein Weib
und seine Kinder und alles, was er hatte, und bezahlen. Da fiel der Knecht nieder
und betete ihnen an und sprach: Herr, habe Geduld mit mir; ich will dir alles
bezahlen. Da jammerte den Herrn desselbigen Knechtes und ließ ihn los,
und die Schuld erließ er ihm auch. Da ging derselbige Knecht hinaus und
fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen schuldig; und ergriff
ihn an und würgete ihn und sprach: Bezahle mir, was du mir schuldig bist.
Da fiel sein Mitknecht nieder rund bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich
will dir alles bezahlen. Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn
in das Gefängnis, bis daß er bezahlte, was er schuldig war. Da aber
seine Mitknechte solches sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten
vor ihren Herrn alles, was sich begeben hatte. Da forderte ihn sein Herr vor
sich und sprach zur ihm: Du Schalksknecht, alle diese Schuld habe ich dir erlassen,
dieweil du mich batest; solltest du denn dich nicht auch erbarmen über
deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmet habe? Und sein Herr ward
zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis daß er bezahlte
alles, was er ihm schuldig war. Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun,
so ihr nicht vergebet von euren Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehle.
1. Was die Summe vom heutigen Evangelium sei, höret bald im Anfang. Petrus
fragt den Herrn, wie er sich halten soll, wenn sein Bruder wieder ihn sündigt,
wie oft er ihm vergeben soll, ob es genug sei siebenmal? Da antwortet ihm der
Herr: " Ich sage nicht siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal ".
Das ist, Vergebung der Sünde soll unter den Christen kein Maß noch
Ziel haben; immer soll einer dem anderen vergeben, und sich hüten, daß
er sich nicht räche. Denn das steht Gott allein zu, dem soll man seine
Majestät und Macht unangetastet lassen. Wie denn das Gleichnis nach der
Länge anzeigt, und wir hernach solche Ursache nach einander zusammen ziehen
und anzeigen wollen.
2. Aber hier müssen wir besonders merken auf das Wort allein, daß
der Herr sagt: Das Himmelreich sei gleich einem König, der mit seinen Knechten
rechnen wollte. Denn solch ein Gebot von Vergebung der Sündern soll man
nicht in das Weltreich ziehen, da Ämter und Personen ungleich sind, und
deswegen immer eins über das andere Macht und Befehl hat. Da soll man der
Bosheit nicht zu sehen, noch jedermann tun lassen, was ihn gelüstet; sondern
das Übel soll man strafen und die Leute zu Zucht, Ehrbarkeit und Billigkeit
halten.
3. Darum hat es die Meinung nicht, daß ein Vater seinen Kindern alles
vergeben, und ihnen zu ihrer Schalkheit zusehen sollte. Strafen soll er, und
nichts vergeben. Also Herr und Frau mit dem Gesinde, weltliche Obrigkeit mit
ihren Untertanen sollen nicht vergeben, was man Unrecht tut, sondern strafen.
Denn die Unart steckt ohne daß in der Welt: je mehr man übersieht,
je ärger und böser wird sie, daß letztlich, wo die Kinder von
Vater und Mutter sich nicht wollen ziehen lassen, der Henker sie ziehen und
der Bosheit wehren muß.
4. Darum gehört dieser Befehl nicht in das Weltreich, da ungleiche Personen
und Ämter sind, wie zuvor gemeldet; sondern in das Himmelreich, da wir
alle gleich sind, und nur einen Herrn über uns haben, des wir alle genießen
sollen. Solches Himmelreich fängt hier unten auf Erden an, und heißt
mit einem anderen Namen die christliche Kirche hier auf Erden, da Gott durch
sein Wort und seinen Geist begehrt. In derselben Kirche, sofern du nicht ein
sonderliches Amt hast, da Gott dich das Unrecht strafen heißt, soll es
also getan sein, daß immer einer dem anderen vergeben, und keiner sich
rechnen, sondern alle Barmherzigkeit und Freundlichkeit seinem Nächsten
erzeigen soll, wo er es Bedarf, ob er gleich um uns wohl anderes verdient, und
wir, der Welt nach zu reden, gute Ursache hätten, ihm alles Übel zuzufügen.
Warum aber solches unser Herr Christus haben wolle, zeigt er mit etlichen Ursachen
fein an, im Gleichnis von den zwei Knechten und dem Könige.
5. Die erste Ursache ist, daß unser lieber Herr Christus will, daß
seine Christen daran gedenken sollen, was für Gnade ihnen Gott bewiesen
hat, der auch, wo er hätte gewollt, sehr viel und große Ursachen
gehabt hätte, daß er uns strafen und alles Unglück hätte
anlegen sollen. Weil aber uns Gnade unverdienter Sache wiederfahren ist, sollen
wir dergleichen gegen unseren Nächsten auch tun.
6. Solches ist deswegen auch desto fleißiger zu merken, denn der Herr
zeigt hier mit an, was die rechte Weise sei, daß wir zu Vergebung der
Sünden kommen, und stellt uns das allerwichtigste vor Augen, wer wir sind
und wer Gott sei, was wir gegen Gott verdienen, und was Gott uns tut.
7. Denn daß er das Gleichnis vom Knecht, der 10000 Pfund schuldig ist,
uns vorhält, in selben will der Herr uns alle lehren, was es für eine
Meinung mit uns vor Gottes Gericht habe. 10000 Pfund sind eine unermeßlich
er große Summe, die wir mit Millionen DM ausdrücken würden.
Eine solch große Summe Geldes gleicht der Herr unsere Sünde, damit
anzuzeigen, daß wir nimmer sie ablegen, oder dafür können genug
tun. Denn es ist die Sünde auf uns geerbt, daß wir sie mit uns aus
Mutterleibe bringen. Je mehr wir danach wachsen und am Alter zunehmen, je mehr
beweisen sich die Sünden auch, daß wir zu fremden angeerbten Sünden
auch unsere eigenen Sünden mit großen Haufen dazu tun, und so tief
in die Schuld gegen Gott wachsen, daß wir eben stecken, wie dieser Knecht
hier.
8. Was ist aber das Urteil über diesen Knecht, von wegen seiner großen
Schuld? Dieses, daß der Herr heißt ihn, sein Weib, sein Kind und
alles verkaufen. Dadurch will der Herr anzeigen, daß wir arme Sünder
nicht allein nicht bezahlen können, sondern wir müssen den Tod um
der Sünde Willen leiden. Wie Paulus sagt: " Der Sünde Sold ist
der Tod "; und der Herr im Paradies Adam und Eva drohe: " Welches
Tages ihr von diesem Baum esset, sollt ihr des Todes sterben ". Da ist
es mit uns armen Menschen allen hingekommen, daß um unserer Sünde
Willen das Gesetz Gottes so ein hartes Wort gegen uns fällt und uns dem
Tode überantwort. Wo sollen wir nun hin? Die Schuld ist vor Augen, wir
können sie nicht leugnen; so will der Herr bezahlt sein, wir aber können
nicht bezahlen, daß ist uns unmöglich.
9. Das ist nun das trefflicher, edle und tröstliche Stück, dagegen
wir unsere Ohren neigen und unsere Herzen weit auftun sollten, ob wir diese
Kunst auch lernen könnten, daß wir aus der großen Schuld möchten
kommen und dem Tod entfliehen. Es geschieht aber solches allein damit, daß
wir tun, wie der Herr hier sagt, daß dieser Knecht getan habe. Er sieht
beides wohl, seine große Schuld, danach sein Unvermögen und die Strafe.
Darum fällt er vor dem Herrn wieder, betet ihn an und spricht: " habe
Geduld mit mir ". Das heißen wir auf deutsch zum Kreuze kriechen
und Gnade begehren.
10. Das will der Herr, daß wir es lernen sollen, so wir anders von der
Schuld frei werden wollen. Denn wer die Schuld nicht bekennen, sondern leugnen
wollte (wie die Pharisäer tun, die sich für Fromm und gerecht halten),
der würde seine Sache nur schlimmer machen. So wir es aber bekennen, so
sind wir gefangen, denn wir können es ja nicht bezahlen. Darum ist es ein
gefährlicher, greulicher Irrtum, daß man im Papsttum die Leute auf
eigene Werke und Genugtuung weiset, Sünde damit abzulegen. Der einzige
Weg ist, daß du solche Sünde und Schuld bekennst, und mit dem Knechte
niederfällst und um Gnade bittest, und sprechest wieder Zöllner Lukas
18,13: " Ach, Herr, sei mir gnädig ".
11. Ja, sprichst du, es sagte gleichwohl der Knecht hier, er wolle alles bezahlen.
Er sage, was er wolle, so müssen wir bekennen, wenn es sein Ernst ist,
daß es nicht wahr, sondern ihm ganz und gar unmöglich sei. Deswegen
läßt es sich ansehen, Christus habe damit anzeigen wollen, wie es
um unsere Herzen getan sei in solchem Fall, nämlich, daß wir solche
Gnade, die so reichlich und überschwenglich ist, nicht fassen können.
Wir denken immer, es sei zuviel, Gott werde nicht so gnädig sein, daß
er uns alles sollte nachlassen, es müsse dennoch auch etwas bezahlt werden,
es sei zuviel, daß man uns alles ganz und gar nachlassen und schenken
sollte. Solche unsere Gedanken hat der Herr hier anzeigen wollen, daß
der Knecht, ob er wohl um Gnade bittet, dennoch sich erbietet, als wolle er
bezahlen, was er schuldig sei. Obwohl das auch wahr ist, wer Vergebung seiner
Sünden mit Herzen begehrt, der muß am wenigsten den Vorsatz haben,
er wolle der Schuld nicht mehr machen, daß ist, er wolle von Sünden
ablassen und sich bessern und hinfort frömmer werden. Denn in Sünden
fortfahren und davon nicht wollen ablassen, und dennoch um Vergebung der Sünden
bitten, daß heißt unseres Herrn Gottes spotten.
12. Wer nun sich also an Gottes Barmherzigkeit begibt und um Gnade betet, wie
findet er Gott? Auf das allerwilligste und gnädigste. Denn höre, was
sagt der Sohn Gottes, der im Schoß des Vaters ist? " Es jammerte
den Herrn desselbigen Knechts ", spricht er, " und er ließ ihn
los, und die Schuld erließ er ihm auch ". Das ist die rechte und
eigentliche Farbe, da man Gott und sein Herz auf das Beste mit malen kann und
soll. Wer in ihm aber eine andere Farbe gibt, der malt ihn nicht richtig, und
anders, denn er an sich selbst ist.
13. Denn das unsere Herzen dafür halten, Gott sei ein ernster Richter,
da die Sünder keine Gnade bei finden, sondern sich aller Ungnade besorgen
müssen, das ist ganz und gar ein falscher Gedanke; und es nicht nichts
dran, obgleich das Gesetz selbst von unserem Herrn Gott nicht anders Predigt.
Denn das Gesetz redet von den Sündern, die keine Gnade hoffen noch begehren.
Die Sünder aber, die ihre Sünde bekennen, lassen sie sich leid sein,
und wollten gern, daß sie Gott nicht also erzürnt hätten, und
ist all ihr Anliegen und Kummer, daß sie wieder Gott so gelebt und seinen
Geboten nicht gefolgt haben, und bitten deswegen um Gnade: die sollen Gnade
finden, wie hier steht. Ursache, Gott ist ein gnädiger Gott, und hat ein
väterliches Herz. Darum jammerte ihn unser Unglück und geht ihm zu
Herzen; und wie der Prophet sagt (Hesekiel 18,23), hat er nicht Lust an des
Sünders Tod; das aber ist seine Lust, daß der Sünder sich bekehre
und lebe. Darum, wo er bei dir ein solches Herz findet, daß der Gnade
begehrt, und ein Mißfallen ob der Sünde hat und davon abläßt,
da will er gerne alle Schuld fallen lassen und dir Gnade beweisen. Wie wir hier
sehen an dem Knechte, der seine Schuld bekennt und um Gnade bittet.
14. Was aber das Mittel sei, dadurch uns Gott will gnädig sein, zeigt
das Evangelium an anderen Orten an, nämlich, daß der Sohn Gottes,
unser lieber Herr Christus Jesus sich der Sünder angenommen, ihre Sünde
auf sich geladen, und mit seinem Tod dafür bezahlt hat. Wo nun solches
Vertrauen an den Herrn Christum und seinen Tod ist, da hat man Gott das Herz
abgewonnen, daß er nicht zürnen noch strafen kann. Denn er ohne das
ein mitleidig Herz hat, und tut ihm unser Jammer und Elend weh. Deswegen er
von sich selbst, sobald Adam und Eva in die Sünde und den Tod gefallen
waren, sich erboten hat, dem Teufel soll seine Macht durch des Weibessamen genommen
werden.
15. Das ist nun unsere Lehre, die wir, Gott Lob! Recht und rein haben in unseren
Kirchen, daß wir Vergebung der Sünden und ewige Gerechtigkeit und
ewiges Leben haben, allein durch den Glauben an Jesum Christum, das ist, durch
Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Wie wir hier an dem Knechte sehen, der eine
so große Summe schuldig ist; aber aus Gnaden, ohne Verdienst, ohne alle
Werke wird sie ihm erlassen: allein darum, daß er sich an die Gnade hält
und darum bittet.
16. Darum ist es eine irrige, falscher, ja, gotteslästerlichen Lehre,
daß die Katholiken, wenn sie von Vergebung der Sünden predigen, die
Leute, so in solcher Schuld stecken, die ihnen zu bezahlen unmöglich ist,
dahin beweisen, sie sollen und müssen für sich selbst mit eigenen
Werken bezahlen. Daß wir aber die Leute bloß und allein auf Gottes
Gnade durch Christum weisen, das heißen sie Ketzerei und Irrtum. Aber
nimm du dies Evangelium vor dich, und besiehe, welche mehr hinzu kommen: wir,
die wir von der Gnade predigen, oder sie, die von eigenen Werken und Genugtuung
predigen. In Summe, die ganze Predigt geht dahin, daß wir lernen sollen,
Gott will uns vergeben, und frei lauter umsonst zu Gnaden annehmen, und alle
Schuld uns erlassen. Solcher Gnade erinnert uns der Herr hier, daß wir
auch also tun, und untereinander alle Gnade und Freundlichkeit brauchen und
mit unserem Nächsten nicht genau rechnen sollen; als dann halten wir uns
wie Christen, denen Gnade wiederfahren ist, und deswegen auch gegen jedermann
Gnade beweisen. Das ist die erste Ursache, die der Herr hier führt, und
daneben auch lehrt, welches der rechte Weg zur Seligkeit sei, daß wir
zu Gnaden und Vergebung der Sünden kommen.
17. Die andere Ursache ist, daß der Herr will, wir sollen doch den Schaden
und Unbilligkeit, so uns von anderen wiederfahren, recht ansehen und wohl bewegen;
so werden wir gewißlich befinden, wenn wir es auf die Goldwaage legen,
daß die Schuld, so wir gegen unseren Herrn Gott haben, wird sein, wie
10000 Pfund gegen hundert Pfennige, die uns unser Nächster schuldig ist.
Das wird denn uns auch bewegen, weil Gott so eine große Summe uns hat
nachgelassen, daß wir mit dem kleinen nicht so genau rechnen, sondern
auch zu Unrecht uns gutwillig halten sollen.
18. Einen Pfennig gegen 10000 Pfund, wobei ein jegliches Pfund sechshundert
Kronen macht, ist eine sehr geringe Summe. So will nun der Herr so sagen: wenn
ihr gleich euren Schaden wollten hoch machen, darum ihr denkt, ihr hättet
Ursache zu zürnen: was ist es denn? Es ist kaum ein Gulden gegen hundert
mal tausend Gulden, die ihr unserem Herrn Gott schuldig seid. So denn Gott auch
die Augen zutut gegen euch, er will solche große Schuld nicht rechnen
noch sehen: wie könnt ihr denn so unbarmherzige, harte Leute sein, daß
ihr nichts nachlassen, und alles so genau rechnen wollt? Tut es nicht, um Gottes
willen. Legt eure Sünde auf eine Waage und eures Nächsten auch, und
tut nicht mehr, denn heuer himmlischer Vater mit euren vielen und großen
Sünden getan hat, so seid ihr rechte Christen.
19. Die dritte Ursache ist diese, daß der Herr im Gleichnis uns alle
miteinander Knechte heißt. " Derselbe Knecht ", spricht er,
ging hinaus, und fand einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Groschen
schuldig ". Solches sollte uns auch zur Gnade bewegen und von der Rache
abschrecken. Denn wir sind nur Mitknecht, und haben aller einen Herrn über
uns, der kann und wird uns strafen, was jedermann Böses tut; dem sollen
wir seine Gewalt und Macht lassen, und ihm nicht dazwischen fallen. Denn er
will es nicht leiden, daß du ihm in sein Amt greifen, und das tun wolltest,
daß ihm allein zu tun gebühret. Wie der Herr am anderen Ort sagt:
" Die Rache ist mein, ich will vergelten ". Denn Gottes Ordnung ist
es, daß er die Sünde strafen will; und hat zu solchem Werk nicht
allein den bösen Feind, der Leib und gut an greifen und auf mancherlei
Weise beschädigen kann, wenn Gott ihm solches verhängt; sondern er
hat auch auf Erden Vater und Mutter, Herr und Frau, und weltliche Obrigkeit.
Diese alle haben Befehl von Gott, daß sie das Böse strafen sollen.
20. Darum, du bist Kind oder Knecht im Hause, so dir Unrecht geschieht von
anderen Kindern oder Knechten, so hüte dich; laß dich den Zorn nicht
überkommen, daß du dich rächen und nicht vergeben wolltest.
Denke, es ist mein Mitknecht, ich habe keine Macht über ihn; ich will den
strafen lassen, der Herr über uns beide ist. Will der es nicht tun und
seines Amtes nicht warten, so ist noch ein Art oben über uns alle, der
wird es nicht ungestraft lassen. Also sollen Bürger, Bauern, in der Summe
ein jeder gegen den anderen sich halten, und vor der Rache sich hüten.
Das meint der Herr mit dem Wort, daß er sagte im Gleichnis: " Dieser
Knecht fand einen seiner Mitknechte ".
21. Die vierte Ursache ist, werde solcher Lehre nicht folgen, und weder Gottes
große Gnade gegen sich, noch seines Nächsten kleine Schuld bedenken
wollte, der doch sein Mitknecht ist, über den er keine Macht hat, und wollte
seines Kopfes hinaus und nichts nachgeben, sondern zürnen und strafen:
was würde er damit ausrichten? Anderes nicht, denn das solche große
Unbilligkeit und Unbarmherzigkeit nicht wird heimlich bleiben. Andere Christen
werden es sehen, und sich sehr darüber betrüben, und vor den Herrn
kommen und ihm alles erzählen. Das heißt auf deutsch so viel: Durch
solche Unbarmherzigkeit wird der Heilige Geist in den Christen betrübt;
denen tut es wehe, seufzen deswegen zu Gott. Da darf niemand denken, daß
solch Seufzen sollte vergebens und umsonst sein. Denn wo sonst der Herr sich
so würde stellen, als sehe und wüßte er es nicht, und würde
die Strafe verziehen und aufhalten: so wird er doch durch solch der anderen
Christen Klagen und Seufzen gedrungen, daß er der Sache sich annehmen
und zur Strafe eilen muß.
22. Also, gleich wie frommer Leute Fürbitte nicht vergebens noch umsonst
ist, so ist der gemeine Fluch, das gemeine Klagen über die Bösen auch
nicht vergebens noch umsonst. Darum will der Herr uns hiermit warmen, daß
wir solchen gemeinen Fluch nicht verachten, sondern gegen unsere Mitknechte
freundlich und barmherzig sein sollen: so werden wir Christen finden, die für
solche Barmherzigkeit Gott danken, und wünschen werden, daß Gott
uns bezahlen und dergleichen auch tun soll.
23. Darum sind diese unglückselige, heillose Leute, die beide, den gemeinen
Segen und Fluch, verachten, die doch beide treffen: der Segen die Frommen, der
Fluch die Bösen. Wie man denn erfährt, wenn eine teure Zeit kommt.
Wer dann das Korn inne hält, wie die Geizhälse pflegen, und wartet,
bis es mehr Geld dafür gibt, dem fluchen, wie Salomon sagt, die Leute,
Sprüche 11,21; aber Segen kommt über den, der es verkauft. Solches
verachten die Gottlosen beides. Aber man sehe, ob solcher Fluch vergebens sei,
und sie nicht alles Unglück anstoße, die ihn auf sich laden. Denn,
wie wir hier sehen, weißet uns der Herr dahin, daß wir uns davor
hüten sollen, und nicht Ursache geben, daß die Mitknechte betrübt
werden, vor den Herrn kommen und sagen, was sie gesehen haben. Denn da höre,
was folgt.
24. Der Herr fordert den Knecht vor sich. Das ist die fünfte Ursache:
daß, wo du keine Barmherzigkeit deinem Nächsten beweisen, sondern
dich rächen und ihn strafen willst, Gott dazu nicht will bestehe schweigen,
sondern dich zur Rede stellen. Das wird am jüngsten Tage geschehen. Da
wird dann das schreckliche Urteil gehen, daß du den Peinigern überantwortet
werdest, bist du alles bezahlest.
25. Was hast du denn an deinem Zorn gewonnen, du armer Mensch? Da du sonst
einen gnädigen Gott haben und aller deiner Schuld hättest können
frei und los werden, so du deinem Nächsten Barmherzigkeit bewiesen und
ihm seine Missetat hättest für gut gehabt; da will Gott dir auch nicht
vergeben, und ebenso genau gegen dich rechnen, als du genau gegen deinen Nächsten
rechnest. Das ist ein armer, elender Handel, der du um eines Pfennigs willen,
den du nicht lassen willst, über hunderttausend DM verlierst. Wie wohl
dies Gleichnis viel zu gering zu dieser Sache ist, da ein Mensch zu Vergebung
der Sünden nicht kommen und in Ewigkeit in Zorn und der Ungnade Gottes
bleiben muß.
26. Darum beschließt der Herr und spricht: " also wird euch mein
himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht von Herzen vergebet, ein jeglicher
seinem Bruder seine Fehler ". Er heißt uns untereinander Brüder;
da will sich je keine Feindschaft noch Unfreundlichkeit leiden. Nun sind wir
aber so gebrechlich alle, daß wir nie durchaus unter einander so leben
werden, es wird immer einer den anderen mit Worten, Werken und anderem beleidigen.
27. Wie soll es denn sein? Sollen wir wie Hunde und Katzen unter einander uns
beißen und kratzen? O nein, sondern so soll es sein, daß wir von
Herzen vergeben, und bedenken: Was wollte ich meinen Bruder strafen? Ist mir
Gott gnädig, und hat mir so eine große Summe frei, umsonst, um Jesu
Christi seines Sohnes, willen, nachgelassen: was wollte ich mich um einen Pfennig
oder zwei ärgern. Ich will eines gegen das andere abrechnen, vergessen
und vergeben, und Gott danken, daß er mir auch vergeben und mich zu Gnaden
angenommen hat, da er doch tausend und aber tausend Mal mehr Ursache hätte
gehabt, mit mir zu zürnen und mich zu strafen, denn ich wieder meinen Nächsten
habe.
28. Das ist die Lehre, welche unser lieber Herr Christus seinen lieben Christen
heute predigen läßt, daß wir uns brechen, dem Zorn den Zaum
nicht lassen, sondern unsere Schuld gegen des Nächsten abrechnen, und froh
sollen sein, daß wir dazu kommen und beides aufgehoben werde.
29. Aber da sieht man leider, wie wir so gar nicht folgen, und uns den Teufel
reiten und treiben lassen zu Zorn, Rache und allem Unglück, mit unserem
großen Schaden und Nachteil. Denn beschlossen ist es: Willst du nicht
vergeben, so will dir Gott auch nicht vergeben; willst du rächen, zürnen,
strafen, so will Gott auch rächen, zürnen und strafen. Aber ein ungleicher
Zorn und Strafe ist es. Denn Gottes Zorn und Strafe ist ein ewiger Zorn und
Strafe: da steckts du dich ein durch einen kleinen Zorn, der so einer geringen
Schuld wegen entsteht, gegen den, da du kein Recht zu hast; sondern Gott allein
hat Recht dazu, und ist gewiß, wo du nur nicht strafest und ihm zuvor
kommst, er werde weit härter und schrecklicher die Sünde an deinem
Mitknecht strafen, denn du immer gedenken kannst.
30. Darum sieht man auch, wie immer eine Sünde mit der anderen gestraft
wird. Was so rachgierige, zornige, unerträgliche Leute sind, die treibt
er Teufels so weit in den Zorn, daß sie nicht können noch wollen
das Vater Unser beten. Denn sie sehen einen Stachel darin, den sie nicht können
über die zugelassen, daß ein Christ beten soll: Vergib uns unsere
Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben. Da fühlen sie sehr wohl,
so ihnen Gott nicht anders vergeben wolle, denn sie anderen vergeben, so werden
ihnen ihre Sünden wohl unvergeben bleiben. Solch ein Urteil wollen sie
selbst wieder und über sich nicht sprechen, lassen eher Vater Unser ungebetet.
Denkst du nicht, der Teufel habe solche Leute schon gebunden, daß sie
um des Zornes willen auch das Gebet verlieren? Was hat aber ein Christ, wenn
er das Gebet verloren hat? Gar nichts hatte er, ja, steckt in einem doppelten
Ungehorsam gegen Gott!
31. Also geschieht es auch, daß solche Leute sich vom Heiligen Abendmahl
des Leibes und Blutes Christi enthalten, und um eines kleinen, geringen, und
ewigen Zornes willen gegen ihren Nächsten sich des höchsten Trostes
wieder die Sünde und das Gewissen berauben. Wäre es nicht tausend
und aber tausend Mal besser, allen Zorn fahren lassen, alle Unbilligkeit leiden
und vertragen, denn mutwillig und vorsätzlich sich Gottes Gnade berauben
und ihm seinen Zorn fallen?
32. Darum, wer sein Herz dermaßen mit Zorn und Haß verhärtet
findet, der nehme dies Evangelium vor sich und besinne sich wohl, und
bitte Gott um Vergebung, daß er so lange den Zorn gegen seinen Nächsten
behalten und so unchristlich gelebt habe; und fahre bald zu und vergebe
von Herzen, auf das Gottes Urteil und Gericht ihn nicht übereile,
sondern er auch zu Vergebung der Sünden und ewigem Leben komme durch
Christum, unser aller Erlöser und Seligmacher, Amen
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